Kunstpreis 2021
Nils Levin Sehnert "Gaia's Expressionism"
Laufzeit: 03.03. - 03.04.2022
BauSchau Essen, Brigittastraße 9
Öffnungszeiten
Durch das Schaufenster einsehbar, Besichtigungstermine am 13.03., 20.03. und 27.03. von 15:00 bis 18:30 Uhr

„Gaias Expressionism“

Bru­no Latour bezieht sich in sei­nem Essay „Plä­doy­er für irdi­sche Wis­sen­schaf­ten“1, auf ein Buch des Wis­sen­schaft­lers James Love­lock von 2008. Das dys­to­pi­sche Sze­na­rio in „Gai­as Rache“ beschreibt den Kampf der Men­schen gegen Gaia (Welt). Hier­bei deu­tet Love­lock zwei mög­li­che Ausgänge:

1.) Gaia gewinnt und die Men­schen sterben.
2.) Die Men­schen gewin­nen und gehen mit Gaia unter.

Latour nimmt das als Aus­gangs­la­ge, um sich für die Auf­lö­sung der Dichi­to­mie „Mensch/Natur“ einzusetzen.
Ich folg­te die­sem Gedan­ken und ent­wi­ckel­te für die Bau­Schau Essen ein Pro­jekt mit dem Ziel die Eini­gung von mensch­li­cher und nicht­mensch­li­cher Autor­schaft vor­zu­neh­men. Zen­tral sind die Buchdrucker/Kupferstecher (Bor­ken­kä­fer), die qua Namen bereits Aner­ken­nung für ihren schöp­fe­ri­schen Drang als nicht­mensch­li­che Künst­ler erlan­gen konn­ten. Zu ihrem Euvre gehö­ren „Land­art“, „Gra­fik“ und „Skulp­tur“. Aus die­sem Werk wird eine hän­gen­de, raum­grei­fen­de Instal­la­ti­on, die der Form­ge­bung nach den Mög­lich­kei­ten ihrer mate­ri­el­len Beschaf­fen­heit ent­spricht. An der Wand wer­den ihre Holz­ar­bei­ten zu einem His­to­rien­ge­mäl­de, dass den Zeit­punkt der Offen­le­gung des mensch­li­chen Irr­tums der Herr­schaft über die Natur festhält:
„Gai­as ́ Expressionismus“.
Bis­her wer­den ihre Wer­ke nach mensch­li­chen Maß­stä­ben ein­ge­ord­net. Die­se dekla­rie­ren sie zu Schäd­lin­gen, da sie sich der für Men­schen nütz­li­chen Logik ent­zie­hen. Hier­zu wer­den die Rin­den mit einer Foto­gra­fie gegen­über­ge­stellt. Dar­auf abge­bil­det ist der Auto­bahn­aus­bau der A49 durch den Dan­nen­rö­der Forst. Die Kon­tur der Baum­kro­nen vor dem Hori­zont bil­det dabei eine ver­gleich­ba­re Form wie die einer Ein­schlag­schnei­se, die durch den Befall von Buch­dru­ckern in vie­len Regio­nen Mit­tel­eu­ro­pas bekannt ist. Wäh­rend die Buch­dru­cker unum­strit­ten als gefähr­lich kon­no­tiert sind, wird bei der A49 dis­ku­tiert. Die Mobi­li­tät für Men­schen wird gegen das Öko­sys­tem abge­wo­gen. Die Bor­ken­kä­fer wie­der­um machen, genau wie die Men­schen, die sich für den Aus­bau der Auto­bahn ein­set­zen, nur das, was für sie selbst am pro­fi­ta­bels­ten ist. Rie­si­ge Stra­ßen zum Ver­meh­ren der eige­nen Spe­zi­es. Die damals so pro­fi­ta­bel schei­nen­den Fich­ten­wäl­der im Sauer­land wur­den geka­pert. Gaia schlägt zurück. Die Men­schen blei­ben machtlos.

1. „Mate­ria­li­tät“ Her­aus­for­de­run­gen für die Sozi­al und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, Kalt­hoff, Cress und Röhl, Wil­helm Fink Pader­born, 2016